Rivertracing im Touqian-Fluss (頭前溪)

Rivertracing im Touqian-Fluss (頭前溪)

Die Sonne scheint, eine milde Brise weht – perfektes Wetter für Outdoor-Aktivitäten. Wäre es nur nicht so unenedlich heiß draußen. Wandern fällt da flach, es sei denn man nimmt eine längere Bus- oder Autofahrt auf sich und begibt sich in höhere Gefilde Taiwans. Zeitlich ist aber nur ein kurzer Tagestrip drin. Ans Meer? Nee, da war ich letze Woche; also Rivertracing! Optimal für die heißen Tage – man ist im Grünen, hat viel Schatten und zum Abkühlen reichlich Wasser um sich. Trotzdem liegt man nicht bloß auf der faulen Haut.

Rivertracing ist in Ostasien, vor allem in Japan, Hong Kong und Taiwan sehr beliebt. Es ist dem weltweit verbreiteten Canyoning sehr ähnlich, wenn auch wahrscheinlich etwas einfacher und ungefährlicher. Grundsätzlich funktioniert das Ganze so: man sucht sich einen geeignenten Fluss, dessen Verlauf man dann stromaufwärts so weit wie man will oder kann folgt. Natürlich ist das Ziel dabei nicht einfach neben dem Strom herzulaufen, sondern sich direkt im Flussbett fortzubewegen. Dabei werden viele verschiedene Arten der Fortbewegung kombiniert. Vom Waten über Schwimmen bis zu Klettern und von Stein zu Stein Kraxeln wird alles abgefragt. Profis unternehmen sogar mehrtägige Touren, die die Benutzung eines Schlauchbootes oder Kajaks und einer Kletter- und Campingausrüstung erfordern. Für unsere erste Tour haben wir uns aber für ein einsteigerfreundliches Gewässer, den Touqian, entschieden.

Übersicht auf der Karte

Der Fluss liegt im Norden Taipeis im östlichen Bereich des Yangmingshan-Nationalparks. Der Einstieg zum Fluss ist nicht ganz leicht zu finden. Am besten hält man nach Beschilderung zum Lukuping-Wanderpfad ausschau (鹿窟坪). Dieser startet am selben Ort. Vom Taipei Hauptbahnhof fährt man am besten zunächst mit dem Bus nach Wanli. Von dort sollte es eigentlich witer mit dem örtlichen öffentlichen Nahverkehr hinauf in die Berge gehen. Von unserer Zielstation Daping Elementary wäre dann noch ein 20 minütiger Fußmarsch vonnöten gewesen. Da der Bus vor Ort am Wochenende aber nur bis 10.20 verkehrt musste in unserem Fall ab Wanli ein Taxi herhalten. Der etwas mürrische Fahrer verlangte einen Festpreis 350 NTD für die ca 15-minütige Fahrt (am Ende standen 210 auf dem Taxameter). Bei 6 Leuten war dies aber weniger schlimm. Abgesetzt an einem kleinen staubigen Parkplatz, direkt am Startpunkt legten wir unsere Ausrüstung an und verstauten die Wertsachen in wasserdichten Taschen.

Tatsächlich sollte man für eine Rivertracing-Tour etwas Ausrüstung einplanen. Je nach Schwierigkeitsgrad benötigt man spezielles Schuhwerk und Handschuhe, einen Neoprenanzug, Schwimmweste, Helm, Kletterausrüstung und einen wasserfesten Beutel. Für unsere Tour waren aber ein wasserfestes Behältnis und die Schuhe mehr als ausreichend. Mit geeigneten Outdoor-Sandalen, denen das Durchwaten von Flüssen nichts ausmacht sollte man im Touqian auch ohne Probleme vorankommen. Spezielle Schuhe (im Prinzip Schuhe fürs Tauchen mit einer extra angeklebten Filzsohle) kann man aber in Taipei für 50 NTD am Tag mieten. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte auch einen Helm (gibts im selben Laden wie die Schuhe) mitnehmen. Auf den feuchten Steinen besteht doch eine erhöhte Rutschgefahr.

Der reißende Touqian

Der reißende Touqian

Nach einem kurzen Spaziergang durch den Wald waren wir am Touqian angekommen. Da die letzten Tage und Wochen sehr heiß und trocken waren, erwartete uns ein gemächlich dahinplätscherndes Flüsschen inmitten dichter Vegetation – für Anfänger nicht verkehrt. Voller Elan begannen wir unseren Aufstieg. Anfänglich stapften wir gemächlich durch den Fluss. Ab und zu mussten wir einen von einem größeren Stein zum Andern springen.

Eine Gruppe von Schulkindern in voller Ausrüstung

Eine Gruppe von Schulkindern in voller Ausrüstung

Bereits nach wenigen hundert Metern trafen wir auf eine Schulklasse, die sich im natürlichen Becken eines Wasserfalls vergnügte. Die Wasserfälle sind stets das Highlight der Touren, denn meist bieten die unter ihnen ausgespülten Becken gute Gelegenheit zum schwimmen und “duschen”.Wer es wagt, kann auch einen Sprung ins Wasser von einem der umliegenden Felsen riskieren. Allerdings sollte man vorher die Tiefe des Wassers genau auskundschaften und eventuelle Felsbrocken suchen, denn diese sind durch das aufgewühlte Wasser von oberhalb der Wasseroberfläche schwer auszumachen. Zu guter Letzt fordern die Wasserfälle auch immer eine kleine Klettereinlage um den Aufstieg fortsetzen zu können.

Klettern mitten im Wasserfall

Klettern mitten im Wasserfall

Die zweite Gruppe, die wir trafen war wesentlich professioneller Ausgerüstet. Diese durch Profis geleiteten Touren erfreuen sich in Taiwan großer Beliebtheit. Auch Anfänger können hier erste Erfahrungen mit dem Klettern, Abseilen und Schwimmen machen. Tatsächlich ist die Anzahl der Taiwaner die gut und gerne schwimmen trotz der Insellage und maritim geprägten Kultur erstaunlich gering. Die Betreuer der Ausflüge sorgen dafür, dass jeder sicher ans Ziel kommt und haben oft erstaunliche Kenntnisse der lokalen Flora und Fauna. Allerdings ist der Spaß mit einem Preis von bis zu über 100€ nicht ganz günstig.

Die Mitglieder der Gruppe schienen keine große Erfahrung im Klettern zu haben und wirkten im Angesicht des höchsten Wasserfalls der Tour etwas unsicher. Nachdem allerdings die ersten mutigen Frewilligen unbeschadet oben angekommen waren, schwanden auch bei den Verbliebenden die letzten Zweifel und schließlich machten sich alle ans Werk inmitten des Wasserfalls die Felswand zu erklimmen. Anschließend seilte sich einer nach dem andern ab um auf den Felsen am Fuße des Wasserfalls eine Pause einzulegen.

Ein kleines Picknick um bei Kräften zu bleiben

Ein kleines Picknick um bei Kräften zu bleiben

Neben Abseilachter und Kletterseil hatte die Kletterbande auch einen Gaskocher, Topf und Zutaten für eine Suppe dabei. Nach landesüblichen Gepflogenheiten wurden wir direkt auf eine Schüssel eingeladen, die wir dankend annahmen.

Nach der Stärkung machten wir uns daran, den vor uns liegenden Wasserfall zu überwinden. Profis versuchen es mitten im herabstürzenden Wasser, wir haben uns allerdings lieber dafür entschieden die Route über die trockenen Felsen am Rand zu nehmen.

Oben angelangt ging es weiter dem Verlauf des Flusses folgend zum dritten und letzten Wasserfall. Viele der großen, oberhalb der Wasseroberfläche liegenden Steine, über die wir klettern mussten waren durch Algen oder andere Wasserpflanzen grünlich verfärbt. Wir schlossen daraus, dass der Fluss im Winter oder nach größeren Niederschlägen weitaus mehr Wasser führt. Ab und zu begegeten wir Schwärmen von kleinen Fischen. die vor unseren Füßen Reißaus nahmen.

Die letzte große Hürde

Die letzte große Hürde

Nachdem auch der letzte Steilhang erklommen war führte uns die Wanderung noch einige Hundert Meter durch ein steiniges Flussbett zum Ausstiegspunkt und von dort aus auf einem kleinen Waldpfad, parallel zum Fluss zurück zum Parkplatz. Insgesamt haben wir nicht mehr als fünf kilometer zurückgelegt, aber gute vier Stunden im und am Fluss verbracht. Die Kletterei war nie langweilig aber auch nie zu vordernd oder gefährlich und hat Lust auf mehr gemacht.

Autor: Yannick Heinemann

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