Grabreinigungstag (清明節)

Jedes Jahr Anfang zwischen dem 4. bis 6. April findet in Taiwan, aber auch in Hongkong, Singapur, in Malaysia und im  auch sehr stark chinesisch geprägtem Vietnam das Qingming-Fest (清明節) statt. Auch in China begeht man mittlerweile wieder diesen Tag.

Übersetzt werden kann der Name etwa mit dem „Fest der reinen Helligkeit“, bei uns in der westlichen Welt wird es meist als Grabreinigungstag oder auch Ahnengedenktag bezeichnet. Einer der wichtigstenen Feiertage, an denen die Familie zusammen kommt.

Kilometerlang Grabanlagen am bevorzugten Südhang

Kilometerlang Grabanlagen am bevorzugten Südhang

Genügend Geistergeld sollte vorhanden sein

Genügend Geistergeld sollte vorhanden sein

Zeitlich fällt es auf einen der 24 jahreszeitlichen Punkte des Mondkalenders, es ist der erste Zeitpunkt nach der Tag-und-Nacht-Gleiche zum Frühlingsanfang und trägt den Namen Qingming. Der Aufbruch in den Frühling ist in dem Feiertag ebenso impliziert.

Kleiner Tempel am Hang, täglich geöffnet und besucht
Die Ursprünge dieses Festes reichen, wie im chinesischen Kulturkreis üblich,  weit zurück und zwar ca. 2500 Jahre. Seitdem gedenkt man Anfang April den Ahnen und besucht deren Gräber, um sie zu reinigen und ihnen Opfergaben wie Blumen, Lieblingspeisen der Verstorbenen u.ä. zu bringen und  Papiergeld und Räucherstäbchen zu verbrennen, damit es ihnen in der anderen Welt an nichts fehle.

 

Das ganze hat natürlich eine Vorgeschichte oder besser erbauende Legende, die um Nuancen verändert dargeboten werden kann (es gibt wahrscheinlich etliche Variationen). Während der Frühlings- und Herbstanalen gut 600 Jahre v.Chr. darbte ein im Exil weilender Herzog Wen an Hunger, im wahrsten Sinne war er todhungrig. Einer seiner treuen Ergebenen, Jie Zitui,  schnitt sich ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel und bereitete ihm davon eine leckere Brühe, die den Herzog wieder auf die Beine brachte.

Als Herzog Wen später davon erfuhr, war er tief ergriffen. Nachdem er wieder an die Macht kam, belohnte er alle, die ihm in der Zeit zuvor beistanden, allerdings nicht Jie Zuitui. In der moralisch einfachen Variante hatte Herzog Wen es einfach vergessen, in der vorbildmäßig bescheidenen idealtypischen konfuzianischen Variante kehrte sich der bescheidene Jie, der keine Belohnung sondern nur helfen wollte ab und wanderte mit seiner Mutter von dannen in den tiefen Wald.


In beiden Fällen beginnt der Herzog nach ihm zu suchen, einmal aus Scham, in Variante zwei , weil er ihn aktiv belohnen wollte. Da er ihn nicht finden konnte, steckte er den Wald in Brand (in der moralischeren Variante folgte der Herzog den Vorschlägen anderer, war also unschuldig), um Jie heraus zu locken oder zu treiben. Tragischerweise fand man nach dem Brand nur noch die verkohlten Körper der beiden Gesuchten.

Fortan wurde zu diesem Zeitpunkt an Jie Zuitui gedacht, indem an jenem Tag nur Ungekochtes, Kaltes gegessen werden durfte. Dieser Tag wurde als  Fest des winterlich-kalten Essens (寒食节)bezeichnet.

Aufwändige Zeremonien für den Ahnenkult waren in China lange verbreitet, insbesondere unter den besser ausgestatteten Beamten und Adligen. Ab der Tang – Zeit wurde dem von Kaiser Xuanzong ein Riegel vorgeschoben. Er gestattete diese Zeremonien lediglich für den Qingming-Tag.

Im Laufe der Zeit verschmolzen die beiden Tage zum Qingming-Fest.

...auch der eine oder ander Christ ist hier begraben...

…auch der eine oder ander Christ ist hier begraben…

...und auch Anhänger des Islam...

…und auch Anhänger des Islam…

Etwa 60.000 islamische Gläubige gibt es in Taiwan

Etwa 60.000 islamische Gläubige gibt es in Taiwan

Die Zeiten ändern sich, mittlerweile kann der Grabreinigungstag  deutlich eher begonnen werden.  Dies hat allerdings nur einen logistischen Hintergrund – gäbe es nur an einem Tag die Gelegenheit,  würde auf den engen Straßen an den Grabhängen das totale Chaos ausbrechen.

Heute beginnt das Fest bereits Mitte März

Busfahrplan der Gräberroute

Auf dem Banner sind die Tage mit Busverkehr angegeben, in diesem Jahr begann das Jahrtausende alte Ritual schon am 17. März , feudale Beschränkungen sind aufgehoben. Die Stadtverwaltung von Taiwan hat die Sache aber voll im Griff.  Die Straßen werden gesperrt, der Privatverkehr unterbunden und durch ständig hin- und herkurvende Minibusse ersetzt – dafür gibt es freie Fahrt für freie Bürger, Tickets werden nicht benötigt.

Ab hier nur noch öffentlicher Busverkehr

Ab hier nur noch öffentlicher Busverkehr

Da sich an den geomantisch vorteilhaften südlichen Hängen der Berge kilometerweise Grab an Grab reihen, ist die Einrichtung von Shuttle-Bussen absolut notwendig.

Auf der Heimreise

Auf der Heimreise

Mittlerweile ist es in Taiwan nicht mehr erlaubt, Gräber an Berghängen zu belegen. Die Insel ist ohnehin schon dicht bewohnt, an noch mehr Platz für die Toten ist nicht zu denken, zumal auch deren Zahl ständig steigt. Die Toten „wohnen“ jetzt – wie der Taiwanese – in immer höheren Häusern bzw. Fächern großer Krematiorien.

Auch hier sind die Urnenkammern knapp
Bei den Grundstückpreisen könnte und konnte sich ohnehin nicht jedermann ein großflächigeres Familiengrab leisten. Hier in der Stadt Taipei ist mittlerweile noch nicht einmal eine freie Urnenkammer  zu ergattern, dafür muss man jetzt schon nach Taipei-Land, ähmm, Neu-Taipei  hinaus.

Im Hintergrund werden die "Besucherlisten"  zusammen gestellt

Im Hintergrund werden die „Besucherlisten“ zusammen gestellt

Ab etwa 60.000 TWD (1500 EUR) aufwärts kann man dort Unterschlupf finden, es gibt aber auch luxuriösere Stellen , die bis zum 10-fachen kosten können.

Autor: Frank Pevec

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4 Antworten

  1. Danke für die Zusendung der schönen Bilder

  2. Danke für die schönen Bilder

  3. Danke Frank, daß Du uns dieses, für Asien wichtige, Ritual anschaulich gemacht hast, garniert mit sehr guten Bildern, die oft wenig Text benötigen!
    Viele Grüße Bernhard mit Ilona

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