Ein kulinarisches Klo-Erlebnis

Hier kann die Sitzung schon mal etwas länger dauern

Was ist das: ein Dutzend Menschen sitzt gemeinsam auf der Toilette und lässt es sich schmecken?
Nein, das ist kein Scherz, sondern eine ausgefallene Restaurant-Idee in Taipeh. Das Themenrestaurant “Modern Toilet” hat sich ganz der Toilette verschrieben. Passenderweise findet sich, wenn auch nach einigem Suchen, eine der Filialen in Xīméntīng (西門町) – dort wo das grelle Plastik-Herz der Jugendkultur schlägt.

Eine überdimensionale Toilettenschüssel an der Hauswand weist den Weg

Statt auf Stühlen sitzen die Gäste im “Modern Toilet Restaurant” auf bunt verzierten Toilettenschüsseln – mit geschlossenen Deckeln. Auch die Inneneinrichtung hält sich strikt ans Klo-Konzept: Die Wände sind bunt gefliest, als Tisch wird mal eine Badewanne, mal ein Waschbecken zweckentfremdet. Die Lampenschirme türmen sich in Form von Fäkalien-Häufchen, während Duschvorhänge als Raumteiler dienen. Und an den Wänden sind Duschköpfe montiert.

Badezimmer-Interieur bis ins kleinste Detail. Der Gast hinten rechts verlässt gerade die "wirkliche" Toilette

Die Kellner bitten ohne eine Mine zu verziehen zum Dinner à la latrine. Das Curry oder Huhn wird dabei stilecht in Mini-Toilettenschüsseln serviert. Auch die Suppe wird direkt aus dem Klo gelöffelt. Gratiniertes kommt in der Badewanne auf den Tisch, beziehungsweise auf’s Waschbecken. Snacks futtert der Gast bei der Thronbesteigung aus kleinen Hocktoiletten. Durstig? Dann nehmen Sie doch einen Schluck, wahlweise aus dem Pissoir oder dem Plastik-Urinal. Letzteres kann dann auch als Souvenir mit nach Hause genommen werden.

Menü à la latrine: gemischtes Gemüse in der Kloschüssel, Suppe, Reis und unter einem dekorativen Häufchen versteckter Salat

Der Hauptgang - kein kompletter Griff ins Klo

 

 

 

 

 

 

 

 
Highlight ist und bleibt aber der Nachtisch. Gleichzeitig die Spezialität des Hauses: ein Häufchen Schokoladen-Eis, serviert in der Mini-Kloschüssel. Auch die Namen der Desserts sind, nennen wir es, themengerecht: es gibt “Durchfall mit getrocknetem Kot” (Schokolade), aus Erdeergeschmack wird “blutiger Ah” und das Kiwi-Eis nennt sich “grüne Diarrhoe”.

Schokoaldeneis - was sonst?!

Eiscreme aus Papier-Hockklos war auch das erste Gericht überhaupt  auf der Klo-Karte. Dieser Gag aus den Anfangstagen wurde schnell erfolgreich und im Mai 2004 öffnete das erste Restaurant in Taipeh seine Klotüren. Damals noch unter dem Namen “Marton Restaurant” (nach mǎtǒng 馬桶 für Toilette). Inhaber Wang Ziwei, jetzt Anfang 30, wurde damals vom japanischen Manga “Dr. Slump” inspiriert. Dessen Hauptcharakter Senbei Norimaki findet Gefallen daran mit seinem großen Geschäft zu spielen. (Jener Senbei Norikami machte seiner Auserwählten einst gar einen Heiratsantrag, während diese auf der Toilette saß.)

Für das Klo-Restaurant hat Wang sogar seinen Job als Banker aufgegeben. Nach und nach entwickelte sich eine umfangreiche Speisekarte. 2006 folgte dann die Umbenennung in “Modern Toilet Restaurant”. Mittlerweile sind die Plätze dort so beliebt, dass an den Wochenenden keine Reservierungen angenommen werden.

Die modernen Toiletten sind gut besucht

Was das Ganze soll? “Wir wollen schockieren und die Sinne verwirren”, sagte Manager Chen Min-kuang dem Magazin Time. Wenn man so will, führt das Themenrestaurant chinesische Tradition fort: Schließlich hat man bereits im Grab eines Kaisers der westlichen Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 9 n. Chr.) eine Toilette gefunden. Ausserdem gelten die Chinesen als Erfinder des Toilettenpapiers.

Die Restaurants zum auf die Toilette gehen machen an den Grenzen der taiwanischen Hauptstadt längst nicht Halt. Mittlerweile gibt es etwa ein Dutzend “moderner Toiletten” auf der ganzen Insel. Außerdem kann man das kulinarische Kloerlebnis auch in Hong Kong und Shenzhen genießen. Die WC-Expansion in andere Teile Asiens, etwa Macau oder Kuala Lumpur, ist geplant.

Selbst die funktionstüchtigen Waschbecken sind hier umfunktionierte Toilettenschüsseln

Und wie schmeckt’s denn nun auf der Toilette? Kein kompletter Griff ins Klo, es wartet aber auch keine kulinarische Offenbarung. Für 200 NT$, also rund 5 Euro, aufwärts gibt es Nudeln, Gratin oder hotpot, Tee und Eis inklusive. Vorallem Kinder und Junggebliebene haben ihren Spaß.
Besitzer Wang hat es so zusammengefasst: “Unser Essen ist so gut wie in jedem beliebigen anderen Restaurant. Aber wir verkaufen nicht nur Essen, sondern auch Lachen und zusätzlichen Spaß.”

http://www.moderntoilet.com.tw/en/about.asp


von Manon Priebe

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2 Antworten

  1. Wie kommt man denn auf so eine Idee? Bei den Namen der Desserts würde ich wohl keinen Nachtisch bestellen…

  2. Es ist zwar eine wirklich irre Idee und etwas Ausgefallenes, doch ich glaube, ich muß nicht unbedingt aus der Kloschüssel löffeln, denn diese Verbindung zur asiatischen, noch besser taiwanesien Küche, wäre mir selbst als Spaß nicht gegeben! –
    Also, taiwanesische Kochkunst ja, aber bitte ohne Schüssel und Häufchen, da sind wir beide gerne dabei!! –
    Eure Ilona und Bernhard

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