Europäische Architektur in Taiwan – Ein Erbe aus der japanischen Kolonialzeit

Wer sich in Taipei Sehenswürdigkeiten wie das Taipei Gästehaus, das Präsidialamt oder das Nationalmuseum Taiwans anschaut, der fühlt sich leicht in das Europa des 17. Jahrhunderts zurückversetzt. Grund dafür ist der viktorianische und barocke Baustil der Gebäude. Die abendländischen Einflüsse in der Architektur Taiwans stammen aus der japanischen Besatzungszeit der Insel. Nicht nur in Taipei sondern auch in der Stadt Tainan hat die Experimentierfreudigkeit der früheren Kolonialmacht seine Spuren hinterlassen

Ende des 19. Jahrhunderts unter der Regierung von Japans Kaiser Meiji entstanden die meisten Bauten im abendländischen Stil. Dabei wurde besonders der englische Architekturstil angewandt, was auf den britischen Architekten Josiah Conder, welcher im japanischen Tokio eine Professur innehatte, zurückgeht. Das japanische Kaiserreich war Anfang des 20. Jahrhunderts fest entschlossen ein Reich in der europäischen Fasson aufzubauen. Dabei kam Taiwan, als seine erste Kolonie, eine besondere Rolle zu.

Eines der ersten Bauwerke in Taipei, welche im englisch-viktorianischen Stil erbaut wurden, war das Taipei Gästehaus. Im Jahr 1901 wurde der Bau vollendet. Der japanische Gouverneur brachte in diesem Gebäude oft seine internationalen Gäste unter oder feierte Feste. Die Innenausstattung des zweistöckigen Baus ist prunkvoll und schillernd. Aufwendig verzierte Kacheln und schwere Kronleuchter schmücken die Säle. Das Gebäude verfügt zudem über eine Veranda und Balkone, welche einen herrlichen Blick auf die Gärten, angelegt im barocken und im japanischen Stil, gewähren. Ein Mansardendach deckt das Taipei Gästehaus ab.

Im Vordergrund das Taipei Gästehaus:

Das Foto wurde zur Verfügung gestellt vom Tourismusbüro Taiwan

Das Präsidialamt ist ebenfalls ein bemerkenswertes Gebäude der Kolonialzeit. Das fünfstöckige Bauwerk hat eine 130 Meter lange Fassade und befindet sich im heutigen Zhongzheng Distrikt. Im Jahr 1912 wurde nach einem langen Auswahlverfahren der Architekt Uheji Nagano mit dem Bau beauftragt. Bis zu seiner Vollendung dauerte es sieben Jahre. Das Präsidialamt verfügt über einen Behördenflügel und mehrere Balkone. Das Herzstück stellt jedoch der 60 Meter hohe Turm dar. Verzierungen bestehend aus Säulen, Giebeln und abgerundeten Fenstern verschönern die rote Fassade. In der Eingangshalle des Gebäudes beeindruckt ein Marmortreppenaufgang. In der Aula finden Bankette und Konzerte für bis zu 400 Gäste statt.

Das Präsidialamt:

Das Foto wurde zur Verfügung gestellt vom Tourismusbüro Taiwan

Im 2-28 Gedächtnispark befindet sich ein weiterer Bau der japanischen Kolonialzeit, das Nationalmuseum Taiwans. Nach seiner Fertigstellung im Jahre 1915 wurde das Gebäude zwei mal umbenannt und trägt heute wieder den Namen Nationalmuseum Taiwans. Im griechisch-dorischen Stil erbaut, erinnert vor allem der Eingang des Gebäudes an ein antikes Domizil. Aufwendige korinthische und dorische Dekorationen schmücken die Eingangshalle. Durch die 30 Meter hohe Glaskuppel fallen tagsüber die Sonnenstrahlen herein.

Das Nationalmuseum:

Ganz in der Nähe des Nationalmuseums Taiwans befindet sich das nationale Universitätskrankenhaus Taiwans. Der heutige Westflügel des Gebäudes wurde im Jahr 1912 vollendet. Damals war in diesem Bau das gesamte Krankenhaus untergebracht. Architektonisch repräsentiert das Bauwerk den Renaissancestil. Da sich das Hospital in der folgenden Zeit vergrößert hat, wurde im Jahr 1991 ein großer Osflügel im modernen Stil angebaut.

Der Westflügel des Krankenhauses:

Im Jahr 1921 erbauten die japanischen Kolonialmächte im Datong Distrikt Taipeis die Jan Cheng Grundschule, welche hauptsächlich von japanischen Schülern besucht wurde. Nach dem Ende der japanischen Besatzungszeit nutzte Taiwan das prunkvolle Bauwerk im europäischen Stil als Rathaus. Als die Stadtregierung in den Distrikt Xinyi umzog, musste für den kolonialen Bau eine neue Funktion gefunden werden. Nach umfangreicher Renovierung wurde das Gebäude im Jahr 2001 Zuhause des Museums für zeitgenössische Kunst. Das architektonisch symmetrische Bauwerk verfügt über zwei Stockwerke und einen Glockenturm. Heute arbeitet das Museum wieder mit der Jan Cheng Mittelschule, welche ihre Räumlichkeiten auch im kolonialen Gebäude, hat zusammen.

Das Museum zeitgenössischer Kunst:

Der Justizhof, welcher heute auch Sitz des Judikativ Yuans der taiwanesischen Regierung ist, liegt auch im bereits erwähnten Zhongzheng Distrikt. Vergleichsweise spät im Jahr 1934 fertiggestellt, hebt sich der Baustil deutlich von den zuvor erwähnten Bauwerken ab. Es ist schlichter gebaut und kaum mit Verzierungen versehen. Nur abgerundete Fenster und Bögen im Eingang des Bauwerks weichen von dem geradlinigen Konzept ab. In der Architektur sind Einflüsse des nicht klassischen byzantinischen und arabischen Stils enthalten. Die größte Besonderheit des Gebäudes stellt jedoch das Dach des Turmes im Koa-Stil dar. Achteckig ist es in wellenartigen Kurven angelegt.

Der Justizhof:

Das Foto wurde zur Verfügung gestellt vom Tourismusbpro Taiwan

Die vorgestellten Bauwerke vertreten einige der bedeutendsten architektonischen Prunkstücke aus der japanischen Kolonialzeit. Sie sollten Stärke und Macht demonstrieren und als ein Symbol der Überlegenheit des Kaiserreichs Japans dienen.

Heute zeigt sich Taiwan stolz auf dieses Erbe der japanischen Besatzungszeit und würdigen viele der Gebäude mit Denkmalschutz.

von M. Bindel

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