Wahlkampf in Taiwan

Am 27. November 2011 ist in Taiwan „Supersamstag“ oder „Superwahlkampftag“. Zum einen werden die Bürgermeister für 5 (teilweise neu gegründete) Städte gewählt. Durch eine Verwaltungsreform werden einige Städte und Landkreise zusammengelegt und zu sogenannten “regierungsunmittelbaren Städten” ernannt oder aufgewertet. Das sind zum einen die südtaiwanischen Städte und Kreise Kaohsiung und Tainan und die zentraltaiwanische Stadt Taichung samt Landkreis. Auch der Kreis Taipei (Taipei County/台北縣) wird zu einer “regierungsunmittelbaren Stadt” aufgewert. Der chinesische Name dieser neuen Stadt bedeutet übersetzt etwa soviel wie Xinbei Stadt (新北市). „Xin“ (新) bedeutet „neu“ und „Bei“ (北) bedeutet „Nord“. Also soviel wie die neue Stadt im Norden. Über den englischen Namen scheint man sich noch nicht ganz einig zu sein. Je nach Partei-Zugehörigkeit scheinen die Spitzenkandidaten eine andere Meinung bzgl. des englischen Namens zu haben.

Fahnenmeer

Wahl in Taiwan - ein Meer von Fahnen an jeder Straßenecke

Wir werden wahrscheinlich also auf den Wahlausgang warten müssen, bevor wir 100% wissen, wie der offizielle englische Name lauten wird. Für diese vier neuen “regierungsunmittelbaren Städte” und für die Hauptstadt Taipeh werden die Bürgermeister gewählt. Doch es werden nicht nur die Bürgermeister für diese 5 Städte gewählt, sondern auch die Stadtratsabgeordneten und in vielen Gemeinden die Gemeindevorsteher (Li Zhang 里長).

Fahnenmeer

... und an den Straßen entlang

 Die Wahl wird unter anderem als Barometer für die derzeitige Stimmung der Bevölkerung in Bezug auf die derzeitige Zentralregierung, die von der KMT gestellt und vom KMT-Vorsitzenden Ma Ying-jeou als Präsident angeführt wird. Daher wird diesem Wahltag nicht nur aufgrund des Umfangs eine große Bedeutung beigemessen und mit großer Aufmerksamkeit auch im Ausland beobachtet.

Plakate

Jede freie Stelle wird für Plakate benutzt

Doch hier will ich nicht die Wahl selber analysieren, sondern ein paar Eindrücke vom Wahlkampf vermitteln. Als ich während eines kürzlichen Interviews gefragt wurde, wo die großen Unterschiede zu Wahlkämpfen in Deutschland liegen, mußte ich zugeben, dass ich mich nicht mehr so gut an Wahlkämpfe in Deutschland erinnern konnte.

Auf einen Blick

Aber immerhin hat man gleich alle Kandidaten auf einen Blick

Außerdem bin ich in Deutschland auf dem „Lande“, aufgewachsen, wo Wahlkämpfe sich unter Umständen von denen in den Großstädten unterscheiden. Daher kann es sein, dass manche Leser bei meinen Beschreibungen denken, „das ist doch nichts besonderes, das ist in Deutschland genauso.“ Ich hoffe, es gibt den Lesern trotzdem einige interessante Eindrücke. Zunächst fällt mir immer wieder auf, mit wieviel Pathos und Gefühl der Wahlkampf getrieben wird.

Bitte Bitte

Nein, das ist kein Kandidat. Hier wird sich aufs Bitten verlegt. Die Botschaft heisst in etwa "Bitte, bitte, helft mir, für sie zu stimmen." Und darunter der Name der Kandidatin plus deren Wahlnummer

Sprüche in der Art „Er ist dafür gemacht, ein Held zu sein“ sind keine Seltenheit. Auch das Wort „Bitte“ (chin. Baituo 拜託) kommt in fast jeder Rede vor. So in der Art „Bitte, gebt mir noch eine Chance“. Und die Kandidaten, egal ob Kandidaten für die Bürgermeister, Stadtratsabgeordneten oder Gemeindevorsteher, alle suchen die Nähe zum „einfachen Volk“. Immer wieder tauchen Kandidaten auf den Märkten auf, um den frischen Fisch, eine Suppe oder sonst ein Gericht zu probieren, oder um irgendein Gemüse zu probieren.

Schnelle Kandidatin

Hier war die Mannschaft dieser Kandidatin schneller als alle anderen.

Oder Sie gehen umher, um ihre Brochüren zu verteilen und möglichst vielen Menschen die Hand zu schütteln. Außerdem ist der Wahlkampf sehr laut – Feuerwerk, Trommeln, Musik und Ansagen per Lautsprecher sind auf der Tagesordnung – und wirklich überall sichtbar – die ganze Stadt ist in einem Meer von Fahnen und Plakaten getaucht.

Fahnen am Tempel

Auch vor einem Tempel wird nicht haltgemacht. Aber vielleicht hilft ja göttliche Unterstützung

Ganze Fassaden sind von Wahlplakaten verhüllt. An Balkonen und Fußgängerbrücken flattern Fahnen in den Farben der verschiedenen Parteien. Und wenn einige Wähler dann aufgrund der Informationsflut leicht irritiert sind, fahren dann Lautsprecherwagen in den verschiedensten Formen und Aufmachungen durch die Straßen, um diese Wähler dann wieder auf die richtige Spur zu bringen, bzw. diesem nochmal klar zu machen, wo das Kreuz gemacht werden soll.

Ein Lautsprecherwagen

Die Kandidaten rüsten Autos aber auch Scooters mit Mikrofonen und Fahnen aus, um ihre Botschaft noch deutlicher an den Mann oder die Frau zu bringen

Diese Lautsprecherwagen oder auch -Scooter sind allgegenwärtig und verbreiten die Botschaft des jeweiligen Kandidatens. Der Höhepunkt für mich sind die Paraden der Kandidaten selber. Wenn sie auf einem Jeep stehend und von einer flaggengeschmückten Auto- und Scooterkolonne begleitet durch die Stadt fahren und dem einfachen Volk zuwinken, während dieses Feuerwerk am Straßenrand abbrennt, fühlt man sich an vergangene Zeiten erinnert – halt nur Scooter und Autos anstelle von Pferden und Kutschen.

Lautsprecherwagen

Eine modernere Ausführung - in Grün, der Farbe der DPP, gehalten

Leider habe ich bis jetzt nie eine Kamera dabei gehabt, wenn ich einer dieser Paraden begegnet bin. Was lernt man daraus – als RTI Reporter immer die Kamera dabei haben. Aber noch habe ich ja ein paar Tage Zeit, und wenn ich noch einmal einer dieser Paraden begegne, reiche ich die Bilder nach.

Kleine Parade

Hier schon eine kleine Parade. Mit fahnenschwenkenden Anhängern auf den Autos und der Kandidat mit dabei.

Und damit warten wir nun gespannt auf den Wahltag, von dem wir bei RTI natürlich berichten werden.

KMT Kandidat

Übrigens in blau gehalten - ein KMT Kandidat

Von Ilon Huang 

 
 
 

Wahlzentrum

Und hier das Wahlzentrum des Kandidatens - Ein Kandidat für den Stadtrat von Taipei Stadt

 

DPP Kandidaten

Die DPP - Kandidatin für das Bürgermeisteramt für die neue Stadt Xinbei City, Tsai Ying-wen, und ein Kandidat für den Stadtrat. Wie das Plakat sagt, sehen die beiden die Zukunft. Das ist auf jeden Fall positiv.

Eric Chu

Und hier KMT-Kandidaten. Der Radfahrer ist der KMT-Kandidat für das Bürgermeisteramt der neuen Stadt Xinbei City - Eric Chu. Man beachte die Nummern, die auf allen Plakaten und Fahnen zu sehen sind. Alle Kandidaten bekommen Wahlnummern zugelost.

Eine weitere Kandidatin

Eine weitere Kandidatin - interessanterweise haben viele Kandidatinnen ihre Poster, Autos und Fahnen in Rot oder Rosa gehalten, im Gegensatz zu ihren meisten männlichen Kollegen, die sich im Allgemeinen an ihre Parteifarben halten. Vielleicht soll das dem Wähler dabei helfen, zu erkennen, dass es sich um eine KandidatIN handelt.

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3 Antworten

  1. Vielen Dank Ilong, daß Du den Wahlkampf bebildert hast. Und auch wie man hier sieht wird er plakativ und schrill angegangen. Wie sieht es eigentlich mit der Wahlmüdigkeit in Taiwan aus? Lassen sich die Menschen von dem Wahlfeuerwerk noch mitreißen?
    Bring doch bitte da mal Licht ins „Dunkel“!
    Viele Grüße an alle
    Eure Ilona und Bernhard

  2. Hallo Ilona und Bernhard,

    vielen Dank für Eure Frage. Also wie ich das beobachten konnte, schwankt das sehr. Zum einen schien es viele zu geben, die mit Leidenschaft dabei waren, aber zum anderen hat man aber auch Stimmen gehört, die sogar genervt waren, vom Feuerwerk und dem ganzen (manchmal sehr lauten) TraRa.
    Etwas überraschend lag die Wahlbeteiligung dann aber doch etwa 72%, etwa 7% höher, als man so erwartet hatte (von der Zentralen Wahlkommission beispielsweise) und auch höher als bei den vergangen Wahlen.
    Als ein Grund wird das schöne Wetter angeführt. Man sagt immer, dass das Wetter die Willigkeit der Wähler hier in Taiwan beeinflusst, zum Wahllokal zu gehen. Und am Samstag war es tatsächlich sehr gutes Wetter.
    Als weiterer möglicher Grund wird das Attentat, das am letzten Abend vor der Wahl ausgeführt wurde, angeführt. Bei dem Attentat wurde eine Person erschossen und Sean Lien, der Sohn des KMT Ehrenvorsitzenden, im Gesicht angeschossen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass das die KMT Wähler, von denen wohl vorher nicht so begeistert dabei waren, motiviert habe, doch zu kommen und zu wählen. Doch dabei gibt es natürlich noch viele Spekulationen.
    Ich hoffe, das beantwortet ein wenig Eure Frage

    Schöne Grüße
    Ilon

  3. Vielen Dank Ilon, daß Du Dich der Frage angenommen hast. Da sind ja die Taiwaner wirklich noch eher zu überzeugen als die Deutschen und in Eurem Fall hat es ja wirklich einen „Denkzettel“ gegeben, wenn man sich einige Gesichter der Verlierer anschaut. –
    Viele Grüße aus einem verschneiten Köhra
    Ilona und Bernhard

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