Ein Besuch in Anping, Stadteil von Tainan, Südtaiwan

Vor kurzem unternahm ich einen interessanten Besuch nach Tainan im Süden Taiwans gelegen. Interessiert man sich für Geschichte, ist man in Tainan sicher sehr gut aufgehoben. Denn Tainan hat eine für Taiwan sehr lange Vergangenheit, und als ehemalige Basis für die Niederländische Ostindien-Kompanie, als ehemalige Hauptstadt eines kurzlebigen Königreiches auf Taiwan und später der Provinz Taiwan verfügt die Stadt über eine Vielzahl von historischen Sehenswürdigkeiten und Spuren dieser Vergangenheit. Ausserdem ist Tainan auch als die Stadt der Snacks bekannt. Viele Besucher, die nach Tainan kommen suchen zunächst einen der vielzaehligen Stände oder Restaurants auf, die einen oder mehrere diese berühmten Snacks anbieten. Natürlich habe ich auch den einen oder anderen der bekannten Snacks probiert, wie beispielsweise ein O-A Chen, eine Art Austernomlett oder die O-A Mi Soa, eine Suppe bestehend aus sehr feinen Nudeln vermischt mit Austern, und selbstverständlich habe ich auch einige der historischen Sehenswürdigkeiten besucht.

Eine weitere von den Nieerländern erbaute und von Zheng Cheng Gong übernommene Festung - der Chikan Turm

Eine weitere von den Niederländern erbaute und von Zheng Cheng Gong übernommene Festung - der Chikan Turm

Beispielsweise die ewige Goldene Burg (億載金城, Yìzǎi Jīn Chéng), eine während der Qing Dynastie erbaute Festung, die die Region gegen eine Japanische Invasion verteidigen sollte, der im Jahr 1666 erbaute Konfuziustempel, der damit der älteste Konfuziustempel Taiwans ist, oder das Fort Anping (安平古堡), das von den Vertretern der Niederländische Ostindien-Kompanie erbaut wurde und später von Zeng Cheng Gong (鄭成功), auch bekannt als Koxinga, übernommen wurde.

Im Konfuziustempel

Im Konfuziustempel

Von hier aus nahm ich dann an einer kleinen Führung durch den Stadtteil Anping teil, wovon ich hier einiges vorstellen möchte. Tatsächlich war die Gegend des heutigen Anpings früher, noch als die Niederländische Ostindien-Kompanie dort ihre Basis aufbauten, eine kleine Insel gewesen. Doch im Laufe der Zeit führte die Meeresströmung dazu, dass die Lagune zwischen der Insel und dem Festland so verschlammt wurde, dass diese bis zum 19 Jahrhundert verschwand und die Insel mit dem Festland verschmolz. Anping ist geschichtlich so wichtig für die Gegend um Tainan, denn wie schon erwähnt bauten hier die Niederländer ihre Basis auf und hier traf Zeng Cheng Gong auf die Niederländer, als er sich nach Taiwan zurückzog, worauf es zur Auseiandersetzung zwischen diesen beiden Seiten kam. Zheng Cheng Gong war schließlich siegreich, worauf sich die Niederländer von Taiwan zurückzogen.

Erinnerung an den Sieg Zheng Cheng Gongs über die Niederländer. Übergabe von Anping an Zheng Cheng Gong

Denkmal zum Sieg Zheng Cheng Gongs über die Niederländer: Übergabe von Anping an Zheng Cheng Gong.

So sieht man viele Zeugnisse aus dieser Zeit und auch aus Zheng Cheng Gongs Zeit danach, wie eben das Fort Anping, Statuen von Zheng Cheng Gong

Statue von Zheng Cheng Gong (Koxinga)

Statue von Zheng Cheng Gong (Koxinga)

oder auch eines der Wahrzeichen von Anping – den Schwertlöwen, auf chinesisch Jian Shi (劍獅), die seit mehr als 300 Jahren viele Hauseingänge in Anping verzieren.

Man beachte den Acht-Trigramme-Spiegel auf der Stirn des Jian Shi

Man beachte den Acht-Trigramme-Spiegel auf der Stirn des Jian Shi

Eine Geschichte führt den Ursprung der Jian Shi auf Zheng Cheng Gong und dessen Soldaten zurück. Als dieser in den 1660ern hierher kam und gegen die Niederländer kämpfte, hatte er eine besondere Gruppe von Soldaten, die unter anderem mit Schildern aus Rattan ausgerüstet waren. Diese Schilder waren in der Mitte mit einem Löwenkopf verziert, um den Schildern und den Soldaten ein gefaehrlicheres Aussehen zu geben. Wenn diese Soldaten am Abend in Ihre Quartiere zurückkehrten, hängten sie ihre Schilder über den Hauseingang und ihre Schwerter steckten sie in das Schild, etwa da, wo sich der Mund des Löwenkopfes befand.

Gleich zwei unterschiedlich aussehende JianShi nebeneinander

Gleich zwei unterschiedlich aussehende JianShi nebeneinander

Das hielt tatsächlich Diebe davon ab, diese Häuser zu berauben, da sie wussten, dass sich in diesen Häusern Soldaten befanden. Andere Bewohner bemerkten dies und fingen an, dies nachzuahmen. Später hat sich diese Kombination aus Löwenkopf und Schwert zu einem Symbol allgemein gegen das Böse entwickelt. Allerdings hatten die Jian Shi noch eine weitere Funktion. Es gab nämlich keine Hausnummern oder Hausschilder, an denen man erkennen konnte wer in dem jeweiligen Haus lebte. Die Jian Shi aber hatten verschiedene Farben, je nach dem Rang desjenigen, der in dem Haus lebte. So konnte man an der Farbe des jeweiligen Jian Shi zumindest den Rang des Bewohners erkennen. Lila wurde ausschließlich für Generäle benutzt, grün für Offiziere mittleren Ranges, rot wurde für wohlhabende Familien verwendet und grün-schwarz für die allgemeine Bevölkerung. Interssant dabei, dass die meisten Jian Shi unterschiedlich aussehen.

Noch ein farbenfroher Schwert-Löwe, diesmal einfach aufgemalt.

Noch ein farbenfroher Schwert-Löwe, diesmal einfach aufgemalt.

Woran liegt das? In China gab es ursprünglich keine Löwen und die ersten Eindrücke von Löwen sollen aus der Ost Han-Dynastie stammen. Damals bekam der Kaiser einen Löwen geschenkt und zwar aus der Region Xīyù. Doch da es eigentlich in China eben keine Löwen gab, wusste der Kaiser auch nicht, wie man einen solchen Löwen pflegt und so starb der Löwe nach kurzer Zeit. Als der Löwe gestorben war, beauftrage der Kaiser einen Maler, dass dieser Löwen male. Doch hatte dieser auch noch keine Löwen gesehen und musste sich daher auf seine Vorstellungskraft verlassen. Er hätte eigentlich malen können, was er wollte. Doch er durfte tatsächlich nicht einfach drauflos malen, sondern er musste die Götter um Rat fragen. Dieser kommunizierten mit dem Maler im Schlaf, worauf er dann die Löwen malen konnte. Doch trotzdem waren die Abbildungen der Löwen verschiedenen Interpretationen unterworfen und daher sehen auch die Jian Shi in Anping immer ein wenig unterschiedlich aus.

Ein weniger farbenfroher und schon sehr von Wind und Wetter mitenommener Löwe

Ein weniger farbenfroher und schon sehr von Wind und Wetter mitgenommener Löwe

Trotz der Vielzahl von interessanten JianShi ist dies meine Lieblings-Wandverzierung: die Abbildung eines Schiffes, das die Seelen der auf See Gestorbenen zurückholt.

Was sonst noch auffiel, während des Spaziergangs durch Anping, waren die sehr eng und sehr verwinkelt angelegten Strassen. Dafür gab es auch einige sehr logische Erklärungen. Zum einen liegt Anping sehr nahe am Meer und von da kommt oft ein sehr starker, heftiger Wind. Um sich vor diesem Wind zu schützen, hat man also solch schmale und verwinkelte Gassen angelegt, da so der Wind gebrochen wird und seine Stärke verliert. Doch ein fast lebenswichtiger Grund für die engen und verwinkelten Strassen, war der Schutz gegen die sogenannte Jiang Shi (僵屍). Jiang Shi bedeutet ungefähr soviel wie „Starrer Leichnam“, und könnte als eine chinesische Abart des Untoten erklärt werden. Sie versuchen in vielen Geschichten das Blut ihrer Opfer auszusaugen und werden auch deshalb manchmal mit Vampire oder chinesische Vampire übersetzt. Doch da sie anders als Vampire, die ja osteuropäischen Ursprungs sind, kein echtes Bewussstein oder keine unabhängige Gedanken haben, werden die Jiang Shi auch mit Zombies oder chinesische Zombies übersetzt. Man soll sie zwar mit Hühnereiern, taoistischen Zaubersprüchen und Acht-Trigramme-Spiegel bekämpfen können, trotzdem sollen sie ein schrecklicher Anblick sein, wenn sie blass, fast blau, mit grässlichen Krallen, Augen und einem fürchterlichen giftigen Atem vor einem auftauchen und einen verfolgen. Da man nicht immer Hühnereier, taoistische Zaubersprüche und Acht-Trigramme-Spiegel dabei hat, haben die Bewohner von Anping in der alten Zeit diese engen und verwinkelten Strassen angelegt. Welchen Sinn macht das? Wer schon mal einen Jiang Shi Film gesehen hat, weiss, dass sich diese Jiang Shi im Allgemeinen nur hüpfend fortbewegen können und immer nur geradeaus und dazu sehen sie auch nichts. Wenn man ihnen also viele Hindernisse in den Weg legt oder eben die Strassen eng und verwinkelt anlegt, stossen sie überall an und finden den Weg nicht, bzw. wenn sie einen verfolgen, kann man sie im Gewirr abschütteln und nach Haus entkommen. Man kann also, ohne Angst vor den JiangShi haben zu müssen, Anping und Tainan besuchen, denn sollte man einem begegnen, kann man diesen immer in den engen Gassen abschütteln. Und ein Besuch in Tainan ist wirklich empfehlenswert.

Von Ilon Huang

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