Wachstumsprognosen für Taiwans Wirtschaft 2009

TIER, das Taiwan Institut for Economic Research, überraschte Anfang August mit einer relativ positiven Prognose  zum erwarteten Wirtschaftswachstum im Jahr 2009. Von einer in der zweiten Jahreshälfte einsetzenden, graduell zunehmenden  Erholung ausgehend, prognostizierte TIER für das Gesamtjahr eine Kontraktion von lediglich – 1,91% im Vergleich zum Vorjahr. Nach einem Minus von 10,24% im 1. Quartal (Q1) und einem Rückgang 4,25% im Q2 soll die Wirtschaft in Q3 und Q4 um 0,22% bzw. 7,1% wachsen.

Das Institut revidierte zwar seine Erwartungen der letzten Berechnung nach unten – damals sah man noch ein leichtes Wachstum von 0,11% voraus – doch präsentierte man damit weiterhin die rosigste Prognose aller in Taiwan ansässigen Wirtschaftsforschungsinstitute, die alle von einer Schrumpfung der Wirtschaft in einer Bandbreite von -3,46% bis zu -4,6% ausgehen.  Der IMF sah im April Taiwans Wirtschaft sogar um -7,5% schrumpfen.

Laut TIER sollen die Impulse dabei von den Exporten kommen, die das Institut im vierten Quartal um 18,17% zulegen sieht. Vergleichszeitraum ist allerdings das vom Finanztsunami arg gebeutelte Vorjahr. Im Q4 brachen Taiwans Exporte im Vergleich zum Q3 um 26,4% ein, der prognostizierte Anstieg ist somit eher Anlass für aufkommende Hoffnung als für Freude.

Da Taiwans Wirtschaft zu etwa 70% vom Export abhängig ist, ist eine wirtschaftliche Erholung ohne ein Anziehen des Exportsektors nur theorethisch möglich.  Woher zieht TIER seine Annahmen für solch eine optimistische Voraussage?

Taiwans kumulierte Exporte bis August lagen um knapp 1/3 bzw. 58 Mrd. US unter denen des Vorjahres. Das BIP 2008 betrug 392 Mrd. USD; ohne eine bessere Entwicklung in anderen Bereichen würde allein der Exportrückgang der ersten acht Monate Taiwans Volkswirtschaft auf das Jahr gesehen um 14,7% schrumpfen lassen (* Fehler, Erklärung siehe unten).  Laut hallt der Ruf nach einer Erklärung für ein Wirtschaftsrückgang von lediglich -1,91%.

TIER erwartet in 2009 einen Anstieg des privaten Verbrauchs von 0,37%. Das reicht nicht. Zwar stiegen der Staatsverbrauch und die Investitionen der Öffentlichen Hand und von Staatsbetrieben, diese machen allerdings nur 55% des Rückganges der Bruttoanlageinvestitionen aus bzw. nur knapp 22% des erwarteten Rückgangs an Investitionen der privaten Seite.

Wieso sieht TIER Taiwans Wirtschaftsumfeld soviel sonniger als all die anderen Institute?  Beim Blick auf die Spalte „Exportwachstum im Jahresvergleich“ werden für Q3 fast die gleichen Exporterlöse wie im Rekordquartal des Vorjahres angenommen. Die Exporterlöse für das dritte Quartal lagen allerdings um ca. 14,5  Mrd. USD unter denen des Vorjahres – immerhin ein Rückgang von ca. 3,7% des BIP des Vorjahres. Da  Taiwans Importe jedoch noch stärker fielen als die Exporte, wird unterm Strich ein neuer Handelsrekordüberschuß von wahrscheinlich 25 Mrd. USD vebleiben – wegen des arg reduzierten Handelsniveaus sind Freudenausbrüche fehl am Platze.

Offen bleibt noch die Frage, warum das Institut nicht die Megafreudenbotschaft von einem Wachstum der Exporterlöse im 3. Quartal von 45% im Vergleich zum Vorquartal gemeldet hat –  große mediale Aufmerksamkeit wäre garantiert gewesen.

Zum Ende des Jahres ist dann auch bei TIER eine etwas stärkere Korrektur anzunehmen. Man wird dann wohl Abstand nehmen, ständig den  Spitzenplatz bei der optimistischsten Prognose anzustreben und sich wieder mehr auf Genauigkeit konzentrieren. Mit einer Annäherung an die Erwartungen der anderen Institute ist zu rechnen.

Der Council for Economic Planning and Development (CEPD) rechnet in seiner Septemberprognose mit einem Wirtschaftsrückgang von 4%, das Chung-Hua Institution for Economic Research (CIER, 中經院) erwartet mit Stand 16. Okt. ein Minus von 3,72% und der Internationale Weltwährungsfond (IWF)  laut seiner letzten Prognose im Oktober eine Kontraktion von 4,5% –  das IWF äußerte sich damit deutlich optimistischer als bei seiner Aprilvorhersage von -7,5%.

Ab dem kommenden Jahr soll es wieder aufwärts gehen: Der IWF sagt 3,7% und CIER sogar ein Wachstum von 4,65% voraus.

TIER Taiwan Economic Forecasts(2009/7/30)
Währung NT$, in 100 Mio.,  Preise von 2001

(單位:新台幣億元,2001年基期(NT$100 million,2001=100)

200907macro

aus: http://english.tier.org.tw/eng_forecast/200907.asp

*Nachtrag und Korrektur (April 2012): Zu meiner Verwunderung findet dieser mittlerweile etwas in die Tage gekommene Beitrag immer noch interessierte Leser, hervorragend! Ich bin von einem in der schnelllebigen Welt rasch nachlassendem Interesse ausgegangen…dummerweise habe ich deshalb meinen faux pas bei der Annahme, dass der Exportrückgang gleich dem Rückgang der Wirtschaftsleistung entspricht, in der Hoffnung „vielleicht merkt es ja niemand“, nicht korrigiert.  Gemerkt , besser: moniert hat es niemand, doch verursacht mir der Gedanke, weitere Unschuldige auf die falsche Fährte zu locken, Unbehagen. Ich bitte um Entschuldigung.  Das BIP ist die aggregierte Summe aller Wertschöpfungen einer Volkswirtschaft. Ein Exportrückgang vermindert  daher nicht in gleicher Größe die Wirtschaftsleistung. In einer Rezession sinkt in Taiwan das Importvolumen meist stärker als der Rückgang der Exporte, es kommt zu einer Erhöhung des Außenbeitrages , welcher die negativen Effekte abschwächt.  Ansonsten: Reaktionen sind erwünscht!

Autor: Frank Pevec

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